3 Bemerkungen

Es gilt:
  • Der Auftraggeber verlangt aus optischen Gründen ein vollflächiges Überarbeiten, um die Fugen der Umgebungsfläche anzupassen.
  • Der ausführende Betrieb überarbeitet die Fugen einfach mit, um sich mühsame Abklebearbeiten zu ersparen.
  • Der passende Farbton des Dichtstoffs ist nicht lieferbar.
  • Der Anbieter des Dichtstoffs macht pauschale, oft nicht korrekte Aussagen, die ein vollflächiges Überstreichen nicht klar ausschließen.
Ein vollflächiges Überstreichen von bewegungsausgleichenden Dichtstoffen ohne eine konkrete Prüfung und/oder Empfehlung des Dichtstoff-Herstellers ist allerdings eine nicht bestimmungsgemäße Anwendung der Beschichtung. Davor muss nachdrücklich gewarnt werden.

Lt. DIN 18363 - Anstricharbeiten - hat der Auftragnehmer den Untergrund daraufhin zu prüfen, ob dieser für die Durchführung der Leistung geeignet ist. Der Auftragnehmer hat dem Auftraggeber seine Bedenken unverzüglich schriftlich mitzuteilen (siehe VOB Teil B - DIN 1961 - § 4, Nr. 3).

Kein Dichtstoff darf bedenkenlos überstrichen werden. Das gilt grundsätzlich für alle Rohstoffgruppen (Acrylatdispersion, Hybrid-Dichtstoff, Polyurethan, Silicon und Polysulfid) und alle Anwendungen. Beispiele hierfür sind: Außenwandfugen , Anschlussfugen von Fenstern und Außentüren, Glasversiegelungen, Fugen im Trockenbau etc.

Die Begriffe im Zusammenhang mit der Verträglichkeit zwischen Dichtstoff und Anstrich und der Überstreichbarkeit von Dichtstoffen werden in der DIN 52460 Fugen- und Glasabdichtungen, definiert. Und die Verträglichkeit bei Kontakt zwischen Dichtstoff und Beschichtung nach DIN 52452-4, Prüfung von Dichtstoffen für das Bauwesen Verträglichkeit der Dichtstoffe Verträglichkeit mit Beschichtungssystemen geprüft, und bewertet.

Anstrichverträglichkeit und Überstreichbarkeit sind zwei verschiedene Begriffe.

2.2 Die Überstreichbarkeit

Sie bewertet und beurteilt

- die vollflächig beschichtete Dichtstoffoberfläche
 
Die Definition nach DIN 52460 lautet:

Überstreichbar
ist ein Dichtstoff, der ganzflächig überdeckend mit einem oder mehreren Anstrichen beschichtet werden kann, ohne dass sich schädigende Wechselwirkungen ergeben.

Prüfung A 3 in DIN 52452-4:
Für die Beurteilung einer Beschichtung auf der Dichtstoffoberfläche gilt, dass keine feststellbaren Mängel zu verzeichnen sind.
Die Prüfung nach A 3 sieht lt. Tabelle 1 jedoch vor, den überstrichenen Probekörper in einem Dehn-/Stauchzyklus um den Prozentsatz zu belasten, den der Dichtstoff-Hersteller als zulässige Gesamtverformung angibt:

 
Zulässige Gesamtverformung des
Dichtstoffs lt. Techn. Datenblatt
Prüfdehnung und -stauchung im
überstrichenen Zustand
12,5 % 12,5 %
15 % 15 %
20 % 20 %
25 % 25 %
 
Tabelle 2 zeigt als Konsequenz, dass bestimmte Fugenbereiche kaum mängelfrei bleiben können: Bewegungsausgleichende
 
Zulässige Gesamtverformung des
Dichtstoffs lt. Techn. Datenblatt
Prüfdehnung und -stauchung im
überstrichenen Zustand
Außenwandfugen im Hochbau nach
DIN 18540
25 %
Glasversiegelung von Fenstern nach
DIN 18545-2, Gruppe E
25 %
Anschlussfugen von Fenstern im
Innenbereich (IVD-Merkblatt Nr. 9)
12,5 %
Anschlussfugen von Fenstern im
Außenbereich (IVD-Merkblatt Nr. 9)
25 %

Bewegungsausgleichende Dichtstoffe dürfen daher aus verständlichen technischen Gründen nicht ganzflächig überstrichen werden.
 
Wird dies in Ausnahmefällen trotzdem verlangt oder not­wendig, dann muss die Beschichtung auch die vom Dicht­stoff auszugleichenden Bewegungen ohne optische und/ oder mechanische Mängel mitmachen.

Anmerkung:

Die Beurteilung A 3 nach DIN 52452-4 ermöglicht es so­wohl dem Hersteller eines Dichtstoffes als auch dem eines Beschichtungsstoffes, sein Produkt dahingehend zu beur­teilen, ob es in Verbindung mit dem jeweils anderen Ma­terial alle für einen funktionsfähigen Einsatz notwendigen Eigenschaften aufweist.

Der Begriff überstreichbar im Sinne dieser Norm beinhaltet nicht nur die Angabe des Beschichtungssystems in dem gewünschten optischen Endzustand, sondern auch, dass das System Dichtstoff/ Beschichtung folgende Forde­rungen erfüllen muss:
  • mängelfreie Beschichtung der Dichtstoffoberfläche
  • einwandfreie Durchtrocknung der Beschichtung
  • keine Farbänderungen der Beschichtung
  • Haftung der Beschichtung auf dem Dichtstoff
  • Dehnfähigkeit ohne Rissbildung in der Beschichtung.
Eine Hilfe für den Verarbeiter in der täglichen Praxis soll die folgende Tabelle 3 sein, die eine Beurteilung und Einschät­zung von sichtbaren Mängeln ermöglicht.

Beim Überstreichen von bewegungsausgleichenden Dicht­stoffen sind folgende Störungen zu erwarten und müssen beachtet werden:
Störung Erscheinung Ursache Wo tritt die Störung
auf?
VS* =
Verlaufstörung
Benetzung und Haftung
der Beschichtung auf
dem Dichtstoff gestört
Unverträglichkeit der
Systeme, insbesondere
bei Silicon-Dichtstoffen
Kann bei allen Dichtstoffen
und Beschichtungs-
systemen auftreten
KL* =
Keine Trocknung,
klebrige Oberfläche
Beschichtung optisch
und mechanisch gestört,
hohe Verschmutzungsgefahr
Unverträglichkeit der Produkte,
meist wegen Weichmacherwanderung
Kann bei allen Dichtstoffen
und Beschichtungs-
systemen auftreten,
insbesondere bei Hybrid-Polymeren, PU- und Poly-
sulfid-Dichtstoffen
KH =
Keine Haftung der ausgehärteten
Beschichtung
am Untergrund
im angrenzenden Bereich.
Gitterschnittprüfung
nach DIN 53151
Beschichtung optisch
mangelhaft, Benetzung
und Haftung der Beschichtung
auf dem
Untergrund teilweise
sichtbar gestört. Funktion der Beschichtung
eingeschränkt
Kontaminierung der angrenzenden Fugenbereiche
mit Dichtstoffbestandteilen,
z.B. beim Glätten mit zuviel Netzmittel oder Verteilen des Dichtstoffes in die Fugenrandbereiche mit Glättspachtel
Insbesondere bei
Silicon-Dichtstoffen
RU* =
Runzeln in der
Beschichtung
Beschichtung optisch
und mechanisch gestört
Unverträglichkeit der Produkte,
Stauchung des Dichtstoffes bei Überforderung der  Bewegungsaufnahme
der Beschichtung
Kann bei allen Dichtstoffen
und Beschichtungssystemen
auftreten
VF* =
Verfärbungen
Optische Störung der
Beschichtung
Wechselwirkung als Folge
der Unverträglichkeit der Produkte
Kann bei allen Dichtstoffen
und Beschichtungssystemen
auftreten, z.B. durch Weichmacherwanderung
RB* =
Rissbildung in der
Beschichtung
Optische und technische
Störung der Beschichtung
- Die Beschichtung ist
geringer deformierbar
(dehnbar) als der Dichtstoff
- Haarrissbildung in der
Beschichtung während
der Trocknungsphase
der Beschichtung, insbesondere bei hochgefüllten
Systemen - Kerbrissbildung der Beschichtung mit nachfolgenden Dichtstoffschäden (mögliche
Kohäsionsrisse) und optischen Mängeln (Verschmutzungen an
der Oberfläche)
Kann bei allen Dichtstoffen
und Beschichtungssystemen auftreten, wenn bewegungsausgleichende
Dichtstoffe überstrichen
werden
Beschichtung auf der
Dichtstoffoberfläche
zeichnet sich optisch,
z.B. etwas dunkler ab
(Markierung)
Optische Störung der
Beschichtung auf Dichtstoff und angrenzenden
Bauteiloberflächen
Unterschiedliche Auftragsstärken
(Deckkraft) der Beschichtung auf der Dichtstoffoberfläche
und den angrenzenden
Oberflächen
Überwiegend in Verbindung
mit Acryl-Dichtstoffen,
die zum Füllen von Putz-
rissen und -löchern,
Anschlüssen an Tapeten, Gipsplatten und anderen Innenanwendungen
eingesetzt werden
*= Die Kurzzeichen sind der DIN 52452-4 entnommen

Insbesondere die Rissbildung im Anstrichsystem ist in der Praxis häufig zu beobachten und Grund für Beanstandungen. Sie wird meist durch die thermisch bedingten Längenände­rungen oder Setzbewegungen von Bauteilen hervorge­rufen, z.B. in Außenwandfugen nach DIN 18540 und in Anschlussfugen zwischen verschiedenen Bauelementen,  z.B.  an Fenstern und Türen und anderen Bauteilen. Die real auftretenden Bewegungen werden häufig bei der Planung der Ausführung unterschätzt.

Treten die genannten Störungen auf, können sie in der Regel nicht ohne größeren Aufwand beseitigt werden. Das Entfernen der defekten Beschichtung vom Dichtstoff durch z.B.  Abwaschen mit einem geeigneten Lösemittel ist kaum ohne Beeinträchtigung der angrenzenden Bauteile oder auch Beschädigung der Dichtstoffoberfläche möglich. In vielen Fällen bleibt nur das Herausschneiden und Ersetzen des Dichtstoffes.


 

2.3 Die Auslobung eines Dichtstoffes:

Nur wenn alle Anforderungen erfüllt werden, darf die Angabe

Überstreichbar mit ...
 
unter Angabe der Handelsbezeichnung der Beschichtung gemacht werden. Der Nachweis der Überstreichbarkeit ist nach DIN 52452-4 A 3 zu führen.


2.4 Die Dokumentation eines Dichtstoffes

Die Aussagen zur Überstreichbarkeit eines Dichtstoffes sind wie folgt zu dokumentieren:

-entsprechender Hinweis auf der Kartusche oder Verpackung:

Überstreichbarkeit:  siehe Technisches Merkblatt  (Datenblatt), 
bzw.:  siehe nähere Angaben im  Technischen Merkblatt  (Datenblatt) 

-erforderliche Angaben im technischen Datenblatt:

Überstreichbar mit folgenden Beschichtungssystemen ...
(Fabrikat/Hersteller und Typenbezeichnung).

Geprüft nach DIN 52452-4 A 3

Nähere Erläuterungen siehe IVD-Merkblatt Nr. 12.

Herausgeber:
IVD INDUSTRIEVERBAND DICHTSTOFFE E.V.
Scheibenstraße 49
D-40479 Düsseldorf
Fon: +49 211 904870
Fax: +49 211 90486-35
e-Mail: info[at]ivd-ev[.]de

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